Mick Brown: Dance of 17 Lives. Rezension auf Deutsch

Glücklicherweise wurde das Buch doch nicht wie ursprünglich geplant auf Deutsch herausgebracht, dennoch eine Rezension auf Deutsch.

 

Tanz von 17 Leben
Die unglaubliche wahre Geschichte von Tibets 17. Karmapa

Mick Brown

Erster Entwurf einer Rezension

Obwohl der Titel Mick Browns Buch ein Buch über die verschiedenen Wiedergeburten des Karmapa erwarten lässt, widmet sich der Autor neben Informationen zu der Linie der Karmapas und Karmapa Urgyen Trinley nicht nur ausgiebig dem Thema der Karmapa-Kontroverse, sondern auch voller Enthusiasmus der Tibetischen Gerüchteküche. Dies scheint nicht unbedingt nur seine Idee gewesen zu sein. So beginnt er seine Danksagung mit einer Würdigung von Norma (Naomi) Levine, die „Anbeginn [der Arbeiten am Buch] als meine Führerin durch das Labyrinth der Intrigen des Tibetischen Buddhismus agierte (…) und die unermüdlich ihre Kenntnis und ihr Wissen teilte.“

Man mag sich fragen, warum der Autor des Buches „Spritual Traveller“ und Musikjournalist des Rockmagazins „Rolling Stone“ sich dazu entschieden hat, sich all dieser Halbwahrheiten und Verleumdungen anzunehmen. Er ist kein Buddhist und kein Tibeter…[1] Brown mag dies aus journalistischer Neuier getan haben, aber bestimmt nicht mit journalistischer Gründlichkeit, denn er ist von Anbeginn parteiisch.

Während Karmapa Urgyen Trinley, der von Situ und Gyaltsab Rinpoche 1993 als Karmapa inthronisiert wurde, auf Platz zwei der „Rollenbesetzung der wichtigsten Personen“ zu Begin des Buches steht, auf (gleich nach dem 16. Karmapa), finden wir Karmapa Trinle Thaye Dordje auf Platz sieben, hinter einem Sekretär des 16. Karmapa, noch dazu falsch geschrieben als „Thinlay Thaye Dorje.“

Natürlich ist Browns einseitige Sichtweise nicht verwunderlich, da seine ersten Kontakte mit dem Buddhismus in KTD Woodstock, USA, Samye Ling, Schottland und Dharamsala, Indien stattfanden – alles Orte, wo Karmapa Urgyen Trinley seine stärksten Stützen findet.

In dem Kapitel mit dem Glück verheißenden Titel: Die Goldene Girlande, gewöhnlich als Synonym für die Kagyü-Linie verwendet, beginnt Brown nach wenigen Seiten Vorfälle zur Zeit des 10. Sharmapa zu diskutieren. Shamarpa ist traditionell an Platz zwei in der Karmapa-Kagyü-Hierarchie. Traditionell wäre er mit der Suche des 17. Karmapa beauftragt worden, aber im moderneren Geist beauftragte der Generalsekretär des 16. Karmapa nach dessen Tod, Shamarpa, Situpa, Jamgön Kongtrul Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche die Wiedergeburt zu suchen.

Im 18. Jahrhundert fand sich Shamarpa inmitten eines Konfliktes zwischen der von der Gelugpaschule dominierten Regierung Tibets, der sie unterstützenden Chinesen und den Nepalis wieder, der zu Krieg führte. Brown beschreibt ausführlich, dass Shamarpa von der Regierung Tibets für einen Nepalesischen Angriff auf Tibet verantwortlich gemacht wurde. Inmitten dieses Kapitels über die „Goldene Girlande“ wird Shamarpa als jemand vorgestellt, dessen Wiedergeburten über die Jahrhunderte „Neigung und Talent für politische Machenschaften und Intrigen“ hatte. Er schreibt weiter, dass die Chinesen und Mongolen „historisch gesehen mit den Tibetern die eines Cho’Yon waren“, was gewöhnlich Priester und Patron übersetzt wird, das heißt die eines religiösen Meisters und der Patronage der Großmacht. Dies stimmt nur partiell: Im Rahmen des Aufstiegs der Gelugpas als politische Macht in Tibet des 17. Jahrhunderts holten die Gelugpas die Mongolen Angesichts der Konflikte mit dem damaligen König von Tibet zur Hilfe. Die Mongolen besiegten den König, griffen auch das Camp des Karmapas an und machten den Dalai Lama zum spirituellen und politischen Oberhaupt der Tibeter. Nach der Invasion, während die Mongolen mordeten und brandschatzten, kam es im südtibetischen Kongpo zu Aufständen, die von Schülern Shamarpas angeführt wurden. Diese wurden niedergemetzelt, es gab 7000 Tote. Obwohl Shamarpa selber zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt war, langte seine Eigenschaft als Lehrer des Königs von Tsang aus, dass er der Zentralmacht der Gelugpas fortan ein Dorn im Auge war. Nachdem er fast zwei Seiten lang die offizielle Geschichtsschreibung der Gelugpas wiedergegeben hatte[2] bemerkt er immerhin in neun Zeilen, dass alles vielleicht ganz anders war und Shamarpa eventuell „Opfer einer Verschwörung der Gelugpas“ wurde. Aber erst mal hat sich der erste Eindruck bei Leserin und Leser festgesetzt, dass etwas mit Shamarpa nicht stimmt, zumal Brown wie gesagt ihn als intrigiösen Lama vorstellt.

Weiter um Shamarpas Diskreditierung bemüht, zitiert er einen anonymen westlichen Buddhisten, der bemerkt haben soll, dass der gegenwärtige Shamarpa „als eigentümliche Wiederholung der Geschichte absolut von Politik fasziniert war.“ Auf der karmapa-issue.org website ist zu lesen, dass Shamarpa Brown bat, die Anonymität zu lüften, was dieser nicht tat.

Lama Yeshe ist Bruder des verstorbenen Akong Rinpoche, der maßgeblich an der Auffindung von Karmapa Urgyen Trinley beteiligt war. Die ganze Familie lehnt Shamarpa ab. So ist von ihnen keine objektive Einschätzung zu erwarten, was Brown nicht weiter stört. Handelt es sich um Anhänger des von Situpa und Gyaltsab Rinpoche inthronisierten Karmapas geht, ist der Author tendenziell unkritisch. Yeshe: „Seine Heiligkeit hatte eine besondere Zuneigung zu Tai Situ.“ Shamarpa hingegen habe Karmapa immer „spaßhaft eine gescheuert.“

Brown präsentiert kurz darauf KTD Woodstock als „Karmapas Amerikanischen Sitz“ und Dhagpo als „ein Zentrum in der Dordogne, das unter der Kontrolle Shamarpas Bruder, Lama Jigme“ ist. In Wirklichkeit ist Dhagpo Kagyü Ling Karmapas europäischer Sitz, nicht irgendein Zentrum. Der 16. Karmapa betitelte Lama Jigme Rinpoche beim Abschied seines ersten Europabesuchs als seinen „Herzenssohn“ und setzte ihn als seinen Europäischen Repräsentanten ein. Klingt doch etwas würdiger als Browns Darstellung, oder? Wer Jigme Rinpoche kennt, weiß, das er das Gegenteil von jemanden ist, der kontrolliert, er läßt viel Raum für Wachstum.

Als nächstes kommt Brown auf Shamarpa zurück, der ein „besonderes Geschick beim Fundraising“ habe, er habe bei einer Gelegenheit 25.000 Dollar in den USA erhalten, da er einfach „enormen Charme und Persönlichkeit“ habe. Traurigerweise ist in dem heutigen Praktiken dies ein eher bescheidener Betrag, denn in Hong Kong werden gleich Hunderttausende und mehr locker gemacht. Und diese Summen sammeln viele buddhistische Würdenträger, auch Situpa.

Schließlich, noch immer im Kapitel über die „Goldene Girlande“ „würdigt“ Brown zwei wichtige Anhänger Karmapa Thaye Dordjes: Hannah und Lama Ole Nydahl, die vom 16. Karmapa beauftragt wurden, in ganz Europa Zentren zu gründen. „Shamar wurde oft in Oles Zentren eingeladen, was ihm mit dem Stempel als echter Buddhistischer Lehrer vergolten wurde.“ Brown schreibt, es gebe keine „berufene Buddhistische Meister“, aber das ist nicht war. Traditionell werden Absolventen eines traditionellen Dreijahresretreats zu Lamas ernannt – und das ist der Titel Ole Nydahls, der Titel wird aber auch anderen mit den entsprechenden Fähigkeiten zugesprochen. Es ist durchaus üblich, dass Meister wie Shamarpa, Situpa, Tenga Rinpoche und andere diesen Titel vergeben. Der 16. Karmapa selbst attestierte Hannah und Ole Nydahl „umfassende Kenntnis der buddhistischen Lehren“ und ernannte sie zu „Lehrer der grundlegenden Lehren von Ethik und Praxis der Lehre Buddha Shakyamunis.“[3]
Später im Buch (s. 209) erfährt Nydahl eine weitere „Ehrung“ ganz im Stil Browns Beschreibungen aller Anhänger Karmapa Thaye Dordjes:

„Gesegnet mit schier unermüdlicher Energie, reichlich Charisma und messianischem Eifer (…) erfreute sich Nydahl dem Drang/Wollust des Lebens. Er hatte eine Vorliebe für skydiving, schnelle Motorräder.“ Seine Bücher waren voll von Bildern, „in denen er oft bis zur Taille nackt war um seine Boxergestalt zur Geltung zu bringen.“ Man kann zu Lama Oles Stil stehen wie man will, aber man muss nicht in einem halbwegs seriösen Buch solche Unwichtigkeiten schreiben. Brown reitet auch auf der Uneinigkeit zwischen Lama Ole Nydahl und Chögyam Trungpa herum und entblödet sich nicht, Trungpas Regent, Tendzin Ösel (Thomas Rich) für seinen Standpunkt heranzuziehen, ohne zu erwähnen, dass der AIDS infizierte Ösel ein noch ausschweifenderes Sexualleben hatte, und mindestens einen seiner Schüler mit der Krankheit infizierte. Er wurde schließlich von der Dharmadhatu-Organisation auf Anraten von Dilgo Khyentse Rinpoche in ein langes, striktes Retreat geschickt, wo er seiner Krankheit erlag. [4]

Das Kapitel der „Goldenen Girlande“ endet mit den Worten: „1982 starb [Generalsekretär] Yondu und Topga Yulgal wurde als sein Nachfolger bestimmt (…) er und Shamarpa waren Vettern. Und mehr noch: Während der sich abspielenden Ereignisse, die in den folgenden Jahren einen Spalt in die Kagyü-Schule trieb, waren sie die engsten Verbündeten.“

Nachdem Brown bereits Shamarpa madig gemacht hatte, ist es doch eine Evidenz, dass sein Vetter nicht besser sein konnte. Der 16. Karmapa hatte noch zu Lebzeiten Topga Rinpoche zu Yongdus Nachfolger ernannt, auch das verschweigt Brown.

In dem Buch über die 17 Karmapas beginnt ein neues Kapitel, dessen Titel Brown Topga Rinpoche widmet: „Honig auf des Messers Scheide.“ So hatte ihn Ngödrub Burkhar, „Karmapas Übersetzer“[5] genannt.

Als nächstes betritt Tendzin Namgyal die Szene des Buches. Er ist auch ein Vetter, aber dies wird nicht genannt, er ist Vetter Thrangu Rinpoches. Vetter zu sein ist natürlich nicht per se von Bedeutung, man muss es nur wissen, da Thrangu Rinpoche maßgeblich bei der polemischen Propagierung Karmapa Urgyen Trinleys war. Wenn man die Stärke des tibetischen Familienzusammenhalts kennt und die daraus resultierende Loyalität, weiß man, dass Namgyal, der spätere Generalsekretär Karmapa Ugyen Trinleys, auf keinen Fall eine objektive und neutrale Quelle ist.

Namgyal über Topga Rinpoche: „Er war Mönch, das ist war, aber Dharma studieren und Dharma praktizieren sind zwei paar Schuhe. Es liegt in der menschlichen Natur, danach zu streben, ein großer Mann zu werden. Aber Topga hatte noch mehr Ego, mehr Stolz, mehr Begierde. Er führte immer Unheil im Schilde!“

Wir sollten nicht vergessen, dass wir immer noch in einem Buch befinden, dessen Titel nahelegt, es handle von buddhistischen Meistern. Hier gibt Brown einfach die üble Nachrede von Bewohnern Rumteks wieder. „Topgas Heirat verärgerte den Karmapa, da er das Mönchstum als höchste Berufung erachtete.“ Letzteres stimmt definitiv und deswegen war Karmapa auch bestimmt nicht hocherfreut. Schließlich, so Brown, habe Karmapa ihm verziehen. Er gab ihm „vielleicht aus Sentimentalität, (…) schließlich war er doch sein Neffe“ und aus Pragmatismus, denn die Mitglieder der „Bhutanischen Königsfamilie waren großzügige Sponsoren Rumteks“ den Ehrentitel Generalsekretär.

Namgyal verkennt den 16. Karmapa, dessen Schüler immer wieder beteuern, er habe alle gleich behandelt, seine Familie nicht bevorzugt und sich nirgends und nie eingeschmeichelt oder gar Pöstchen verteilt, um sich Vorzüge zu ergattern. Darüber hinaus war Topga Rinpoche nicht Ehren- sondern der designierte Nachfolger als Generalsekretär und das tut man nur, wenn man jemandem vertraut! – Karmapa ernannte ihn 1968 dazu.[6] Wenn man bedenkt, dass nach den traurigen Ereignissen von 1993, auf die noch eingegangen wird, Namgyal selbst Generalsekretär wurde, kann man sich die Frage stellen, ob er neidisch auf Topga Rinpoche war oder zumindest glaubte, Topga Rinpoche illegitime Absetzung durch Situpa und seine Anhänger rechtfertigen zu müssen.

Nun sollte man meinen, dass Musikjournalist Brown sich gewisser journalistischer Mindestanforderungen in Bezug auf Überprüfung dargestellter Sachverhalte bedienen würde… Besonders, da Namgyals Vorwürfe immer haarsträubender werden:

„Topga war wirklich ein Geschäftsmann! (…) er war Schmuggler.“

Er („oder besser sein Diener“) soll 150 kg Gold mitgeführt haben und wertvolle Uhren, ohne seine Ware zu deklarieren. (150kg sind kein Pappenspiel, sein Diener muss recht durchtrainiert sein). Nur die Intervention der Bhutanischen Königsfamilie hätte dazu geführt, dass er nicht belangt wurde. Und „Topgas Konflikt mit den Autoritäten wurde ausgiebig in der indischen Presse berichtet.“ Auch hier ist keine Quellenangabe ‘nirgends nicht zu finden’.

Dass dies Brown nicht selbst auffällt, wie einseitig er ist! Er beschreibt zweimal den gleichen Sachverhalt, einmal angeblich von Topga Rinpoche verübt, und einmal tatsächlich von Situpa, Jamgön Kongtrul Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche. Brown ereifert sich, dass Topga Rinpoche angeblich Generalsekretär Damchö vorgeworfen habe, dieser habe das KIBI auf seinen Sohn, Ponlop Rinpoche, hätte überschreiben wollen. Auch diese Geschichte ist nicht belegt.

Kurz darauf beschreibt Brown, dass Situpa, Jamgön Kongtrul Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche sogar einen Prozess gegen Shamarpa anstrengten, da auch dieser angeblich das KIBI auf seinen Namen überschreiben wollte. Shamarpa „leugnete lauthals die Vorwürfe und die Drohung der Anklage wurde dementsprechend fallengelassen.“ Hier erbost sich Brown nicht über die Infamität des Vorwurfs, sondern mokiert sich sogar über das „lauthalse“ Gebahren Shamarpa. In Wirklichkeit, so Hindustan Times Reporter Anil Maheswari[7], überzeugte Lea Terhune[8] die drei übrigen „Herzenssöhne“ des 16. Karmapa, den Prozess tatsächlich 1983 gegen Shamarpa anzustrengen. Shamarpa gewann den Prozess mühelos. Aufgrund dieses Prozesses verlor Shamarpa nach eigenen Angaben das Vertrauen in die anderen Herzenssöhne und löste die von Generalsekretär Yongdu initiierte rotierende Regentschaft auf. Dies ist nicht demokratisch und ich billige es nicht. Aber es ist wichtig, die Gründe dafür zu kennen.

Zurück zu „Topgala“: Nachdem den Charakter Topga Rinpoches in Misskredit gebracht und ihn des Goldschmuggels[9] bezichtigt hatte, fuhr er in diesem heiligen Buch über die Karmapas noch schwerere Geschütze in das reine Land des Tibetischen Buddhismus: Im Rahmen seiner Reportage über die Streitigkeiten und Stammesfehden Rumteks ist sich der Autor nicht mal zu schade, einen noch widerwärtigeren Vorwurf wiederzugeben: Mord. Namgyal wirft Topga Rinpoche Mord an Yongdu vor. „Es gab keine Beweise“ für Topga Rinpoche Urtäterschaft, schreibt Brown großzügerweise. Aber: Warum gibt er die Vorwürfe, die erneut nicht über rein mündliche Anschuldigungen eines erbitterten Gegners Topga Rinpoches hinausgehen, wieder? Zumal ich bei meinem eigenen Besuch in Rumtek schnell einen Zeugen fand, der anderes berichtete: Damchö Yongdus Neffe Yeshe Jungne.[10] Brown machte sich offensichtlich nicht mal die Mühe, Damchös Verwandte in dieser Angelegenheit zu kontaktieren. Als „Investigativer Journalismus erster Klasse“ preist der Daily Telegraph Browns Buch auf dessem Cover. Ich würde Brown mit dieser Recherche eher an die Bildzeitung verweisen.

Müssen wir in der Rezension Browns Buch fortfahren? Es geht in diesem Stil weiter, aber in deutscher Gründlichkeit will ich mein Vorhaben, das Buch detailliert zu besprechen, zu Ende führen.

Brown besuchte immerhin Shamarpa und befragte ihn zu verschiedenen Punkten. Aber erneut beschreibt er die Umstände des Treffens in einer Weise, die Shamarpa erneut in ein schlechtes Licht rückt. Man bekommt den Eindruck, Shamarpa residiere im edlen Hyatt Regency Hotel, dabei wohnte Shamarpa während seiner Aufenthalte in Delhi in seinem kleinen Appartment. Das Interview fand in einer „äußerst surrealen Situation“, statt, in dessen Verlauf Shamarpa mal nachsichtig, mal schwermütig lächelte und ihm von der Geschichte Tibets und den Problemen zwischen den Shamarpas und der Gelugpa-Regierung erzählte.[11] Nach dem Interview dinieren Shamarpa und Brown gemeinsam mit einem „Gast“: „Einem korpulenten, rotgesichtigen Deutschen in seinen Sechzigern mit seiner chinesischen hübschen, teuer gekleideten und vielleicht zwanzig Jahre jüngeren Frau.“ Nachdem er sich über die Belanglosigkeit des Tischgesprächs ausließ und anscheinend auch noch von dem übergewichtigen Deutschen eingeladen wurde („der Deutsche griff nach der Rechnung“) verabschiedete sich Shamarpa von Brown. „Ich war entlassen.“

Diese kleinen Details sind nicht von großer Wichtigkeit, aber das ganze Setting tut alles, zu suggerieren, dass etwas mit Shamarpa nicht stimmt. Und, ich wiederhole mich, es handelt sich um ein Buch über die „Die unglaubliche wahre Geschichte von Tibets 17. Karmapa.” Welche Bedeutung haben in einer Biographie Beschreibungen wie die Stöckelschuhe Shamarpas österreichischer Übersetzerin, über die Brown sich wundert.[12]

Das nächste Kapitel handelt von den Umständen der Auffindung Karmapa Urgyen Trinleys.

Nachdem Situpa bei einem Treffen der „vier Regenten“ einen Prophezeiungsbrief des 16. Karmapa bezüglich seiner Wiedergeburt präsentiert hatte, kamen Shamarpa Zweifel an der Authentizität des Briefes. Shamarpa forderte, dass er auf seine Handschrift untersucht würde. Er warf Situpa vor, ihn selbst verfasst zu haben.[13] Situpa lehnte einen forensischen Test kategorisch ab. All das beschreibt Brown korrekt. In Folge zieht er wieder äußerst zweifelhafte Quellen heran „Michelle Martin, eine amerikanische buddhistische Gelehrte, die in Rumtek Jamgon Kongtrul bei Übersetzungen half, sagte: „Ich habe keine Zweifel, dass er [Jamgön Kongtrul Rinpoche] absolut überzeugt war, dass er authentisch sei.“

Nun ist Michelle Martin kein unbeschriebenes Blatt, sondern eine enge Vertraute Situpas, die im übrigen eine Prophezeihung des 5. Karmapas zu den Ereignissen unsere Tage falsch übersetzte: Hier wird in der richtigen Übersetzung „eine Ausstrahlung eines Dämonen“ mit dem Namen „Natha“ genannt, der für die Karmapa-Kontroverse verantwortlich sei. Martin übersetzt „Natha“ als „Neffe“, um den „Neffen“ des 16. Karmapa die Schuld in die Schuhe zu schieben (Shamar und Topga Rinpoches). (Siehe ausführliche Analalyse der Prophezeiung und Martins Fehler: Sylvia Wong, „Karmapa Prophecies“, S. 33. Wong zieht die entsprechenden Wörterbücher heran und belegt, dass die Übersetzung irreführend ist. Da in keinem der Wörterbücher (weder Sanskrit noch Tibetisch) Natha mit Neffe übersetzt wird, könnte man Martin auch unterstellen, sie das mit Absicht falsch übersetzte. (Auf Karmapa Ugyen Trinles offizieller Website findet sich noch heute diese falsche Übersetzung, nur leicht abgeschwächt: „One with the name Na-tha (also, a “relative,” spec. “nephew”.“[14]
Nun kommt wieder eine Hommage an die Boulevardpresse. Bei dem Treffen der Regenten wurde beschlossen, dass Jamgön Kongtrul Rinpoche nach Tibet reisen sollte, um die Wiedergeburt des 16. Karmapa zu suchen. Er kam bei einem Autounfall tragisch ums Leben, nur sein Diener überlebte.[15]

Die Gerüchteküche florierte und wieder wurde spekuliert, ob er umgebracht worden sei: Der Wagen sei am Vortag noch überholt worden und „die Mechaniker kamen aus Bhutan, von Topga eingeladen“, so gibt Brown das Geschwätz der Leute wieder, und: „wer könnte von Jamgön Kongtrul Rinpoche Tod profitiert haben, er war auf dem Weg nach Tibet, um die Anweisungen des Prophezeiungsbriefs zu erfüllen, den Tai Situ vorgelegt hatte. Nur jemand, der wünschte, dass dies nutzen könne. Die Namen Topga und Shamar Rinpoche wurden in den Ecken geflüstert. Aber es gab keine Beweise für Sabotage…“ Erneut was hilft es dann, diese Gerüchte wiederzugeben?

Davon abgesehen hätte Jamgön Kongtrül ebenso gut in Tibet feststellen können, dass der Junge namens Apo Gaga eben nicht die Wiedergeburt des 16. Karmapa war.

Bald nach dem Treffen, und ohne Shamarpa zu informieren, reisten Repräsentanten Situpas und Gyaltsab Rinpoches nach Tibet. Sie brachten Karmapa Urgyen Trinley nach Tsurphu. In der Zwischenzeit informierten Situpa und Gyaltsab Rinpoche den Dalai Lama, dass die Wiedergeburt des Karmapa gefunden worden sei. Dalai Lama fragte, ob die Regenten sich einig seien, was die beiden bejahten, obwohl Shamarpa ja schwerwiegende Zweifel geäußert hatte.

Anhand dessen und seiner Vision gab Dalai Lama seine Anerkennung Karmapa Urgyen Trinley als Karmapa. Brown gibt die Vision des Dalai Lama wieder. In dieser war Dalai Lama „in einem Ort der grün war und keine Bäume hatte, einem sehr schönen Ort. Die Berge waren nicht sehr hoch und es gab kleine Flüsse, die auf jeder Seite herunterströmten, rechts und links. Er sagte er sah keine Leute und keine Tiere und er hörte den Klang ‘Karmapa’ in der Luft.“ Auch das gibt Brown richtig wieder, aber entgegen seiner Gewohnheit, die Auskünfte der Anhänger Karmapa Thaye Dordjes ins schummrige Licht zu rücken, fehlt hier jeder kritische Kommentar: Und diese Vision ist ja wirklich nicht gerade präzise… Was denken Sie, auf wie viele Täler in Tibet diese Beschreibung zutrifft? Ich schätze 50%. Doch tatsächlich: immer wieder beziehen sich die Anhänger Karmapa Urgyen Trinley auf diese Vision.

Für uns Menschen im Westen des 21. Jahrhunderts, in einer Kultur lebend, in der auch die Unfehlbarkeit des Papstes (vor nicht langer Zeit) aufgehoben wurde, wäre es ein Leichtes, dass Dalai Lama sich umentscheidet, beide Karmapas anerkennt etc. In der Tibetischen Kultur gilt der Dalai Lama immer noch als unfehlbar, weswegen er gewisse Entscheidungen nicht einfach revidieren kann. Unzählige Tibeter und westliche Praktizierende haben Samayas, heilige Bänder, mit ihm. Streng genommen heißt das: Man befolgt die Anweisungen seines Meisters ohne sie weiter zu hinterfragen. In gewissen Reformströmungen des Vajrayana, in dem sich diese extreme Lamahörigkeit herausbildete, wird dies relativiert. Traditionell sieht das anders aus. Selbst einer der höchsten Lamas des 20. Jahrhunderts, Seine Heiligkeit Dudjom Rinpoche, beschrieb das folgendermaßen: „Es gibt keinen einzigen unter uns, der keine Belehrungen und Ermächtigungen von Seiner Heiligkeit [Dalai Lama] erhalten hat. Da wir nun mit ihm im Dharma verbunden sind, müssen wir das Samaya befolgen (…) Wir müssen gemäß der Wünsche Seine Heiligkeit handeln!“[16]

Schließlich, im Rahmen der Zeremonien der Kremation Jamgön Kongtrul Rinpoches, beriefen Situpa und Gyaltsab Rinpoche eine Versammlung ein, während der sie von der Auffindung Karmapas berichteten (bis dahin war alles geheim gehalten worden). Shamarpa, wurde, er der erste Regent war, nicht davon informiert war (auch das verschweigt Brown). Er fuhr während dieser Versammlung in einem Jeep, vor, gefolgt von einem Lastwagen mit Soldaten, so Brown. Shamarpa und einige Soldaten kamen in den Schreinraum, „Shamarpa sprang auf einen Holztisch und rief ‘Rinpoches und Soldaten bleiben, alle anderen gehen!’“

Brown weiter: „Die alten Mönche sagten: „Das ist, warum wir aus Tibet geflohen sind’“ erinnert sich einer der dabei war „’das ist genau was 1959 passiert ist’“

Naja, ob das Brown dem Zeugen in den Mund gelegt hat oder nicht, es gibt niedergeschriebene Zeugenaussagen in der Angelegenheit, die Brown Darstellungen relativieren:

„Als Shamar Rinpoche ankam, folgte ihm ein Jeep [also kein Lastwagen, d.h. Etwa 5 Soldaten und nicht 20-30] mit Soldaten der indischen Armee. Niemand wollte die indische Armee hier haben und schon gar nicht im Kloster. Augenblicklich gab es einen Tumult, die zwei Rinpoches sprangen auf und alle drei Rinpoches verschwanden hinter der großen Eingangstür zum Tempel, die schnell geschlossen wurde. Alle Leute waren aufgeregt, und es entstand ein Gerangel. Die ganze Anspannung und unterschwellige Aggression der letzten Tage schien sich plötzlich zu entladen. Die Soldaten und die Polizisten versuchten die Masse zu beruhigen. Wir sahen, wie ein Mann am Eingang des Klosters mit Steinen und einem Stock auf Karmapas Diener, Lama Tsültrim Namgyal, einschlug. Da war es um die Fassung von vielen von uns geschehen. Einige weinten und schluchzten laut, jeder rannte in eine andere Richtung. Die Mönche, Tibeter und die Gäste waren auf die Sandhaufen der Klosterbaustelle zurückgewichen. Viele standen stumm oder sagten Mantras.“[17]

Tatsächlich hatte es Hinweise gegeben, dass Gefahr für Shamarpas Leben bestünde, weswegen die Behörden in Gangtok (Hauptstadt von Sikkim) Polizeischutz für Shamarpa anordneten. Brown gibt dies als plumpes Dementi wieder: „Später sollte Shamarpa behaupten“ dass dies so war.

Erneut die Zeugenaussage: „Wir alle blieben wie im Schock zurück und im Laufe der nächsten Tage erfuhren wir Stück für Stück die Hintergründe dieses Geschehens:

Die indische Regierung in Delhi hatte eine ernst zu nehmende Warnung erhalten, daß viele Khampas von diesem »Derge Kommitee« in Kathmandu nach Rumtek unterwegs waren, um gewaltsam durchzusetzen, daß alle Situ Rinpoches Brief über die Inkarnation von Karmapa anerkennen. Sie erfuhren, daß es eine große Gefahr für das Kloster und Shamar Rinpoches Leben gäbe. Einer Sekretärin war der Fehler unterlaufen, den General statt den Polizeichef zu alarmieren. Deshalb wurde sofort die indische Armee nach Rumtek geschickt, wo sie das Kloster, die Shedra (Klosteruniversität), das Dorf und Shamar Rinpoches Haus bewachten. Sie hatten die Order, Shamar Rinpoche überall hin zu begleiten.

Als sie im Kloster waren, haben sich die drei Rinpoches gar nicht getroffen, weil Situ Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche sich in einem Zimmer eingeschlossen hatten.“[18]

Ich selbst interviewte Yeshe Jungne, den Neffen des ehemaligen Generalsekretärs des 16. Karmapas, Damchö Yongdu. Er zeichnete ein sehr düsteres Bild der Zeit. Ob es Bestechungen seitens der Anhänger Situpas gab, um den sikkimesischen Ministerpräsident Bandari zur „Zusamenarbeit“ zu bewegen, konnte ich nicht überprüfen. Jungnes Schilderungen der Ereignisse nach dem Yarney Retreat zeichnen das Bild eines reaktionären Polizeistaates, der Situs Seite unterstützte.

Ein Artikel in den Hindustan Times (“Pro-China Coup in Gangtok Monastery,” vom August 6, 1993) bestätigt Jungnes Schilderungen:

“Es ist seltsam”, so die Hindustan Times, “dass pro-China Situ Rinpoche, der in der Vergangenheit nie irgendeine Verantwortung in Rumtek übernommen hatte, plötzlich entschied, die Unterstützung des Sikkimesischen Chief Ministers zu bekommen, um während der Abwesenheit von Regent Shamar Rinpoche einen Staatsstreich auszuführen.”[19]

Ob dies der Wahrheit entspricht oder nicht, es ist einfach gegen jegliche journalistische Sorgfalt, dass Brown die Sichtweise der aus Rumtek vertriebenen nicht genauer beleuchtet. Und vertrieben waren sie, das bestätigt Brown ja selbst.

Bezüglich der wissenschaftlichen Untersuchung des Prophezeiungsbriefes schreibt Brown : „Während für westliche Gemüter der Ruf nach einer forensischen Untersuchung eine absolut logische und vernünftige Lösung erschien, beinhaltete das für Tibeter ein paradox, nämlich eine empirischen Beweis zu liefern, der nirgends im Tibetischen Buddhismus zu finden ist.“ Nein Herr Brown, Buddhismus ist keine Magie. Buddhismus ist die präziseste Wissenschaft von der Funktionsweise des Geistes, die ich kenne. Der ganze Abidharma stützt sich auf Logik und selbst für Wiedergeburt gibt es inzwischen empirische (westliche) Untersuchungen! Brown weiter: „Es wäre nötig gewesen, einen Handschriftexperten zu finden, der sich genauestens mit der Tibetischen Handschrift auskennt. Keine leichte Aufgabe.“

Ich hab’s ausprobiert, „handwriting examen“ in Google eingegeben und die Expertin kontaktiert, die bei den Suchergebnissen ganz oben stand. Sie antwortete: „Ich habe gerade eine Expertise eines Textes in Mandarin-Chinesisch gemacht, schicken Sie mir doch Kopien, dann kann ich ihnen sagen, ob ich das hinbekomme.“ Ich wollte ihre und meine Zeit nicht unnötig strapazieren, da solche Tests ja nur mit Originalen durchgeführt werden können und das Original des Briefes ist bekanntlich in Rumtek unter Verschluss. Aber wenn schon ein erster Versuch so positiv beantwortet ist, kann es mit etwas Mühe nicht schwer sein, den passenden Experten zu finden. Wo ist hier die Sorgfalt des investigativen Journalists Brown. Ein paar Mails an solche Experten hätten auch ihm gezeigt, dass forensische Untersuchungen der Tibetischen Handschrift möglich sind.

Der 16. Karmapa hatte, kaum in Sikkim angekommen, den Karmapa Charitable Trust etabliert, der sowohl Wohltätigkeitszwecken diente, als auch der administrativen Leitung Rumteks und Karmapas Besitztümer nach seinem Tod. Karmapa erzählte niemanden von seinen Plänen für die Zeit nach seinem Tod. Er legte die administrative Führung des Trusts – die die bis zur Rückkehr der Reinkarnation Karmapas die Geschäfte Rumteks führen sollten – in die Hände von Laien, unter denen kein einziger Tibeter war. Vielleicht misstraute er deren Hang zu Politik? Und diese Verwalter sind erstaunlicherweise alles – mit Ausnahme Tashi Densapa, der sein Amt niederlegte – Anhänger Karmapa Thaye Dordje. Während die Tibeter und viele Westler sich auf die Prophezeiungen Chögyur Lingpas verlassen, deren Auslegung umstritten sind, kommen sie nicht auf die Idee, dass diese Vorkehrungen bezüglich des Trusts, die Karmapa bereits 1961 ohne das Wissen seiner Verwaltung traf, auch auf einem gewissen Maß an Hellsicht bezüglich künftiger Ereignisse beruhten. An sich sind Karmapas Schüler davon überzeugt, dass er „Kenner der Drei Zeiten“ sei, und eine unvergleichliche Hellsicht beispielsweise bezüglich der Auffindung der Tulkus der Linie hatte. Aus dieser Optik dürfte die Besetzung des Trusts kein Zufall sein… Ebenfalls der höchste Khenpo des Klosters, Chödrak, sein Dorje Löpön, Nendo, sein europäischer Repräsentant, Jigme, sein australischer Repräsentant, Beru, sein designierter Generalsekretär nach Yongdu, Topga, allesamt Rinpoches, sind Unterstützer Thaye Dorjes (nicht so sein amerikanischer Repräsentant Tenzin Chönyi).

Brown schreibt zwar richtig, dass die Anhänger Situpas in den 80er/90er Jahren versuchten, den Trust in ihrem Sinne umzubesetzen, was nicht den Klauseln des Trust – und somit den Wünschen des 16. Karmapa – entsprach, aber, wie so oft, wenn es sich um Manipulation seitens der Anhänger Karmapa Urgyen Trinley handelte, findet Brown nicht die harten oder ironischen Worte, die er den Anhängern Karmapa Thaye Dordje vorbehält.

Stattdessen begründet er unhinterfragt die Absetzung Topga Rinpoches als Generalsekretär damit, dass er „wiederholt versucht hatte, Shamarpa als Besitzer Rumteks einzusetzen.“ (Brown, S. 213) Da für die Einsetzung Shamarpas als Besitzer Rumteks nicht die geringste rechtliche Grundlage besteht, ist es unwahrscheinlich, dass diese Behauptung, die Brown wie gewohnt nicht belegt, richtig ist. (Karmapa ist der Besitzer Rumteks, und in seiner Abwesenheit obliegt, wie wir gesehen haben, die Verwaltung dem Trust).

Weiter diskreditiert er Topga Rinpoche, indem er behauptet, er habe versucht „die Besitztümer Karmapas zu übernehmen“ und das Tashi Chöling Kloster in Bhutan zu verkaufen und sich so zu bereichern. Sylvia Wong widerlegt diese Anschuldigungen in ihrem Buch „Karmapa Prophecy“ (S. 229ff) und zieht die entsprechenden Orginaldokumente und -briefe der Bhutanesischen Regierung als Beweise heran.[20]

Brown: „Topga wurde der ‘Zerstörung des Dharma’ für schuldig befunden und seiner Ämter als Schatzmeister und Generalsekretär enthoben.“ Wer befand ihn für schuldig? Diejenigen, die wenig später die nach Brown 150 Mönche, die Schüler Shamarpas waren, brutal aus dem Kloster vertrieben!

Auch die Ereignisse, die zu dieser Vertreibung führte, zeichnet Brown ein absolut einseitiges Bild (und legt niemand in den Mund, dass es dem gleiche, was die Chinesen 1959 in Tibet taten!): Auf Anordnung Shamarpas wäre der Tempel verschlossen worden, was das Yarney-Retreat zu verhindern. Tatsächlich hatte es, wie beschrieben, schon zuvor große Spannungen in Rumtek gegeben, Shamarpa war der Meinung, dass unter diesen Umständen ein Retreat nicht möglich war. Sicher war sein Handeln für viele nicht nachvollziehbar und brachte ihm viel Kritik ein.

Chokgyur Lingpas Pophezeiungen

Brown diskuitiert die Prophezeiungen des Tertön Chokgyur Lingpa (1829 – 1870), der Prophezeiungen zu den Karmapas machte. Da die erste Inkarnation des 15. Karmapa früh starb, ist es nicht klar, welcher Zählweise Lingpa folgt, dies beschreibt auch Brown. Wird der erste 15. Karmapa gezählt, ist der aktuelle 17. Karmapa bereits der 18. Die Prophezeiungen nach der Karmapa Urgyen Trinley nahestehenden Website Kamalashilas:[21]

„In der Mitte (unterhalb von Guru Padmasambhava), umgeben von baumbewachsenen Bergen und inmitten von Zelten sitzt der 17. Karmapa. Neben ihm sitzt so innig nahe wie Vater und Sohn, Tai Situpa. Dies alles ist das Symbol für die Ausbreitung der Kagyüpa Schule des tibetischen Buddhismus über die ganze Welt.“

Dies wird als Indiz dafür gewertet, dass Karmapa Urgyen Trinley der „wahre“ Karmapa sei, da er Situpa sehr nahe steht. Der letzte Satz deutet aber darauf hin, dass damit eher der 16. Karmapa gemeint war, denn während seines Lebens breitete sich die Karma Kagyü Schule auf allen Kontinenten aus.

Karmapa Thaye Dordje

Natürlich steht Brown frei, Karmapa Urgyen Trinley für den authentischen Karmapa zu halten und ihn dementsprechend voller Respekt und Begeisterung zu beschreiben. Wunderbar!

Aber die Art wie er Karmapa Thaye Dordje und dessen Inthronisierung beschreibt ist erneut traurig:

„In einer kuriosen Zeremonie, in der er [Karmapa Thaye Dordje] auf einem Plastikstuhl saß, als die Schüler eingeladen wurden, für einen Segen zu ihm nach vorne zu kommen. Er zitiert „zwei westliche Schüler“, wie gewohnt ohne Namen zu nennen, die schrieben, der „Junge“ sei „blass“ gewesen und habe „gezittert.“

Schüchtern war Karmapa Thaye Dordje zu Beginn, daran besteht kein Zweifel. Aber nicht während der Inthronisierung saß er auf einem Plastikstuhl, sondern später, als eine Busladung von Mönchen das KIBI mit Steinen bewarf und die Scheiben des Tempels einwarf. Auch dieses Video findet sich sofort im Internet[22]

Brown stellt im Weiteren in Frage, ob sein Vater wirklich die 3. Inkarnation von Mipham Rinpoche sei, da der erste Jamgon Mipham Rinpoche sagte, er würde nicht wiedergeboren werden. Das ist wahr, aber was wieder nicht in dem Buch gesagt wird, ist, dass er angekündigt hatte, er würde sich in vielen Ausstrahlungen manifestieren. So wurde der zweite Mipham Rinpoche von niemandem Geringeren erkannt als Jamyang Khentse Chökyi Lodrö. (Nebenbei: Trungpa Rinpoche hatte auch vorhergesagt er werde als japanischer Wissenschaftler reinkarnieren, Brown beschreibt aber, dass Situpa seine neue Inkarnation in Tibet gefunden habe – ohne es zu hinterfragen. Und der Sohn des 11. Trungpa wurde von dem Chef der Nyingma-Schule als weitere Ausstrahlung des 1. Mipham Rinpoche anerkannt.)[23]

Nachem er ausführlich die Anerkennung Karmapa Thaye Dordjes in Frage gestellt hat, beschließt Brown mit den Worten: „Wenn jemand [Karmapas Eltern Mipham Rinpoche und Mayum] behauptet, ihr Sohn sei Karmapa, ist es klar, dass er es nicht ist!“

Diese Logik entzieht sich der meinen.

Nebenbei bemerkt, sagte Karmapa Thaye Dordje bereits als Kind, er sei Karmapa, während Karmapa Urgyen Trinley dies nie tat (Brown S. 147). In dem Film „Tulku“, gedreht von Trungpas Sohn Gesar Mukpos, sagt Karmapa Urgyen Trinley, dass er das auch als Kind nicht als Karmapa zu erkennen gab.

Kurz nach der Flucht Karmapa Urgyen Trinley aus Tibet untersuchte das Krankenhaus „Postgraduate Institute“ in Chandigarth/Indien im Jahr 2000 Karmapa Urgyen Trinley. Die Untersuchungen ergaben, dass der damals angeblich 14-Jährige mindestens 21, wenn nicht 24 Jahre alt sei (und somit vor dem Paranirvana des 16. Karmapas geboren sei). Brown stellt die Existenz dieser Untersuchung in Frage und behauptet, den Verwaltungschef des Krankenhauses kontaktiert zu haben, der die Sache als „komplet falsch“ bezeichnete. Vielleicht war der Verwaltungschef nicht über alle Untersuchungen seines Instituts im Bilde, denn die Presse beschrieb diese Untersuchungen.[24] The Tribune of India:
” ‘ …seine Endokrinologie Tests (Hormone, einschließlich der Wachstumshormone) und Röntgenbilder bestätigten sein Alter nicht, sondern zeigten, dass er Volljährig war [in Indien wird man mit 21 Jahren volljährig]”, sagte der Chefarzt des PGI, Dr. D Behera. “Ich übergab dann den medizinischen Bericht an die PGI “, fügte er hinzu. Der gegenwärtige Chefarzt, Dr. AK Gupta sagte kürzlich: “Wir haben die Unterlagen nicht mehr, da sie als streng geheime klassifiziert wurden.”[25]

Der Rao Report an die Indische Regierung

„Im Jahr 1997 hatte der damalige Sekretär, KS Rao, einen ausführlichen Bericht über die Situation in Rumtek an den Union Kabinettssekretär geschickt, der viele beunruhigende Fragen über die Karmapaproblematik aufwirft. Kopien des Berichts wurden auch dem Direktor des Intelligence Bureau und den Vorsitzenden des Joint Intelligence Committee gesendet, um die Verschwörung und die Rolle des Dalai Lama und anderer darzulegen.“[26]

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass China über Karmapa Urgyen Trinley Enfluss auf die Politik in Indien nehmen will. Diese Einschätzung erklärt auch die ansonsten unerklärliche Gebahren der indischen Polizei im Rahmen der Haussuchungen im Gyurto Kloster, in dem Karmapa Urgyen Trinley lebt: Indien versucht mit allen Miteln zu verhindern, dass Karmapa Urgyen Trinleys Einfluss wächst, da es befürchtet, dass China über ihn Einfluss auf ihr Land ausüben könnte.

Brown stellt die Authenzität des Berichts in Frage. Unterstellt wird, der Chefsekretär der Regierung hätte das Papier zwar auf offiziellem Papier, aber „ohne die formelle Unterstützung der Regierung“ (Brown 230) also quasi als Privatvergnügen verfasst. Brown weiter: „Im November 1997 schrieb Sönam Wangdi, der Chefsekretär der Sikkimesischen Regierung, einen Brief an den Kabinettssekretär der indischen Regierung, in dem stand, dass es keine Nachweise über einen solchen Report in den Akten des Büros des Chefsekretärs von Sikkim gab.“ Hier bringt Brown alles durcheinander: Wangdi war 1996 vor Rao drei Monate lang Chefsekretär Sikkims, nicht im November 1997. Es ist zudem fraglich, ob er nach seiner Amtszeit noch Zugang zu en Akten des Büros hatte.[27] Rao hatte 1996-1998 das Amt inne.

Hiermit beende ich schmucklos meine Analyse des Buches, das weder journalistischen noch wissenschaftlichen Kriterien der Ausgewogenheit entspricht. Zum Abschluss ein Lob: Sein Buch ist immerhin besser recherchiert als jenes Lea Terhunes.

Struktur des Buches:

Das Buch beginn nach einer 20-seitigen Einleitung bis auf Seite 85 über die Karmapas zu berichten, liefert dann auf 100 Seiten das wie beschrieben recht einseitige in der Tibetischen Politik und der Kontroverse, es folgen 20 Seiten über einen Besuch bei Karmapa Urgyen Trinley, dann erneut 50 Seiten über Politik und 40 Seiten wieder über Flucht nach, sowie Ankunft und Aktivität Karmapa Urgyen Trinleys in Indien.

Siehe auch:

http://materialien-karmapa-kontroverse.weebly.com/

http://karmapa-controversy-materials.weebly.com/

https://karmapaissue.wordpress.com/

 

[1] Response to an Open Letter from Lama Karma Wangchuk by Mick Brown vom 07.08.2004, veröffentlicht in http://www.karmapa-issue.org/politics/mick_brown_response.htm

[2] Er sützt sich auf das Buch Tashi Tsering, der ein Gelugpa und Minister der Regierung der letzten Tibetischen Regierung war.

[3] http://www.lama-ole-nydahl.org/wp-content/k_letter_03.pdf

[4] Bad friendship Avoiding unwholesome teacher-pupil relationships and abuse of religion An essay by Piya Tan, S. 9/10. http://dharmafarer.org/wordpress/wp-content/uploads/2010/08/64.17-Bad-friendship.-piya.pdf

[5] Burkhar war ein Übersetzer Karmapa unter vielen. Wichtiger war Achi Tsepal, der ihm sieben Jahre lang als Übersetzer diente.

[6] http://materialien-karmapa-kontroverse.weebly.com/topga-rinpoche-vom-16-karmapa-als-generalsekretaumlr-von-rumtek-bestimmt.html

[7] The Buddha Cries“, UBSPD, Delhi 2000.

[8] Lea Terhune verfasste mit „Politics of Reincarnation“ ein noch schlechter recherchiertes und noch polemischeres Buch. Sie ist enge Mitrabeiterin Situpas.

[9] Auf S. 221 der englischen Ausgabe betitelt Brown Topgala als „ehemaligen Mönch und Schmuggler.“

[10] Auf der karmapa-issue.org Website werden die Brüder Yongdus zitiert, die ebenfalls bestätigen, dass Damchö Yongdu eines natürlichen Todes gestorben ist. http://www.karmapa-issue.org/politics/damchoe.htm

[11] Ob die kleinen historischen Ungenauigkeiten auf Shamarpas oder Browns Konto gehen, ist nicht klar. Auf jeden Fall musste der 10. Karmapa nach dem Angriff der monglischen Truppen auf das „Gartschen“, das groe Zeltlager, in dem die Karmapas reisten, fliehen. Er floh aber zuerst nach Bhutan, nicht nach Indien und anschließend nach Jiang, im heutigen Yunnan gelegen. Als die Mongolen Jiang angriffen, bot der König des Landes nd nicht, wie bei Brown vermerkt, der Chinesische Kaiser px an, in Tibet einzumarschiern und die Karma Kagyü Schule zur „Staatsreligion“ zu machen. (siehe Hugh Richardson (Übers.) The 10th Karmapa.

[12] Treffen Brown/Shamarpa findet sich auf S. 119-121 in der englischen Ausgabe des Buches.

[13] Brown schrieb zuvor, dass Situpa bereits 1991 den noch nicht anerkannten Karmapa Urgyen Trinley traf. Bei der gleichen Reise, so Brown fand Situpa „fast 100 Tulkus“, einschließlich des 12. Trungpa Rinpoche. (Die Frage stellt sich, wie er all die ferneren Lamas erkennt, nicht aber seinen eigenen Wurzellama) (Brown S. 133).

[14] http://kagyuoffice.org/traditional-materials-on-recognition-of-the-17th-karmapa/prophecy-of-the-5th-karmapa/

[15] Beru Khyentse Rinpoche berichtet, der 16. Karmapa habe ihm und Jamgön Kongtrul Rinpoche speziell Segensbänder gegeben, die sie bei Autofahrten bei sich tragen sollten, da beide Unfallgefährdet seien. Beru Khyentse hatte 2005 einen schwern Unfall, den er dank dieses Segens Segens, wie er berichtet, unverletzt überstand. Bei Jamgön Kongtrul Rinpoches Unfall hatte vergaß dieser das Band zu tragen, sein (überlebender) Diener hatte es bei sich. Beru Khyentse Rinpoche: Pema KarpoTrinzee, S. 50 und http://www.khyenkong-tharjay.org/bkr2p4.htm

[16] Dudjom Rinpoche: Counsels of my Heart, Shechen Publ. New Delhi 2004, S. 53.

[17] Bericht über Ereignisse in Rumtek im Juni 1992 Von Andrea Boy, Sys Leube und Gunda Koehn http://www.buddhismus-heute.de/archive.issue__9.position__2.print__1.de.html

[18] Ebenda.

[19] Zit. nach Erik Curren, 11. Kapitel: „The Yarney Putsch“.

[20] http://materialien-karmapa-kontroverse.weebly.com/uploads/1/7/3/1/17315424/_sylvia-wong-the-karmapa-prophecies_tashi_choling_463-484.pdf

[21] Die entsprechende Seite befindet sich nicht mehr auf der Website des Zentrums. Übersetzung der Prophezeiung von Dr. Annemarie Dross-Mashayekhi.

[22] http://www.youtube.com/watch?v=Y4iRGSrCgRM 3min 24 sek

[23] In Brilliant Moon schreibt Dilgo Khyentse auf S. 10: “The Derge prince once told me that Mipham Rinpoche had told my father,“I’m a sick old monk who is about to die, so I don’t need a house, but you should build a hermitage on that hill behind your place. It will benefit the Dharma king and the Derge government. I won’t go faraway from the Derge people.” Miphams 2. Inkarnation war der Sohn des Königs von Derge.

[24] http://www.tribuneindia.com/2000/20000418/himachal.htm#7 quoting the “Pratibha Chauhan Tribune News Service”. Die Untersuchungen wurden als “geheim” klassifiziert.

[25] http://articles.timesofindia.indiatimes.com/2011-01-30/india/28370367_1_17th-karmapa-medical-report-ugyen-trinley-dorje

[26]http://www.thestatesman.net/index.php?option=com_content&view=article&id=344254&catid=57 politics over religon

[27] http://www.sikkimipr.org/Chief_Secretaries.aspx

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